Stefan Weidner: Ein Marschländer geht von uns

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Hussain al-Mozany, Schoppingen, Germany 2003 by Samuel Shimon

Hussain al-Mozany 1954-2016

Am 5.12.2016 verstarb überraschend der irakisch-deutsche Autor Hussain Al-Mozany, Chamisso-Preisträger des Jahres 2002 im Alter von 62 Jahren. Der Islamwissenschaftler und Übersetzer Stefan Weidner, der den Autor gut kannte, würdigt ihn in diesem Nachruf.

Es ist selten, dass der Tod eines Autors für zwei völlig unterschiedliche Sprach- und Kulturräume gleichzeitig einen schmerzlichen Verlust darstellt; dass jemand sich wie ein Fisch im Wasser in beiden bewegt und in zwei Sprachen bleibendes hinterlässt (ja vielleicht ließe sich nur von Wladimir Nabokov oder Joseph Brodsky Ähnliches sagen). Die weitaus meisten Autoren, welche Sprachwechsler sind, nicht in ihrer Muttersprache schreiben und mehrere Herkünfte und Identitäten für sich reklamieren, entscheiden sich am Ende für eine der beiden Seiten. Dass Hussain al-Mozany sich nicht entscheiden konnte oder wollte, dürfte zwar dazu beigetragen haben, dass ihm größerer Ruhm versagt blieb. Es macht ihn auch unter den Autoren, die den Chamisso-Preis bekamen, zu einem Sonderfall. Er, der die autoritative arabische Übersetzung der „Blechtrommel“ von Günter Grass anfertigte, war nicht nur, wie man leichthin von vielen sagt, Vermittler oder Brückenbauer, sondern selber die vom Zerreissen bedrohte Mitte, an der von beiden Enden gezerrt wurde. Er war einer der wenigen, die auf beiden Seiten des Ufers gleichzeitig standen, also nirgendwo zur Gänze; der selbst auf eigentümliche Weise immer zwischen den Stühlen war. Dieses Dazwischen war der Ort, die eigentliche Heimat von Hussain al-Mozany, und keineswegs sah er es als seine Aufgabe an, dieses Dazwischen zu verkleinern, die Unterschiede glattzubügeln. Vielmehr waren sie sein Element und er betonte sie, ließ sie zur Wirkung kommen. Seine Romane atmen eine Rabelais‘schen Geist, sind provokant, überraschend, kompromisslos, aufbrausend und nachdenklich, verrückt liebevoll zugleich, so wie er es auch persönlich war, ganz gleich ob er auf deutsch oder auf arabisch sprach.

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Stefan Weidner, Khalid al-Mally and Hussain al-Mozany, Cologne 2003 photo by Samuel Shimon

Nach Deutschland gelangte der 1954 geborene Südiraker im Zuge der ersten größeren Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten – die freilich von der Öffentlichkeit damals kaum wahrgenommen wurde. Es waren vor allen Dingen Iraker und Iraner, die vor der Repression (durch Saddam Hussain im Irak und die Khomeini-Diktatur in Iran) oder um der Rekrutierung auf einer der beiden Fronten des iranisch-irakischen Krieges zu entgehen in den Westen flohen. Zu den bedeutenden arabischen Autoren, die diese Fluchtwelle nach Deutschland spülte, zählen neben Hussain Al-Mozany der Lyriker Khalid al-Maaly (der später auch der arabische Verleger von Al-Mozany wurde) und Najm Wali. Al-Mozany kam über die DDR und den Grenzübergang Check-Point-Charly. Wer damals über diese Grenze mit dem Wunsch auf Asyl West-Deutschland betrat, wurde konnte nicht abgewiesen werden. Al-Mozany hatte Ende der siebziger Jahren in Beirut für die linke Palästinensergruppen als Journalist gearbeitet, weswegen er für die Ostblockstaaten ein Visum bekommen hatte.

Nachdem sein Asylantrag anerkannt worden war, studierte er in Münster Germanistik und Islamwissenschaften, heiratete, nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an, schrieb und übersetzte. Ich hatte über meine irakischen Freunde schon viel von ihm gehört, als ich ihn 1998 endlich kennenlernte. Mit seiner Frau und seinen Kindern war er gerade nach Köln gezogen. Es begann eine Zeit fruchtbarer Zusammenarbeit und Freundschaft, bis er 2006 nach Berlin ging, um für den arabischen Dienst der Deutschen Welle zu arbeiten.

In seiner Kölner Zeit erschienen die Romane, mit denen er in Deutschland bekannt wurde: „Der Marschländer“ (1999); und „Mansour oder der Duft des Abendlandes“ (2002). Die Erscheinungsdaten der beiden Bücher fallen in die Jahre der plötzlich offensichtlich werdenden Konfrontation mit der islamischen Welt; sie erschienen unmittelbar vor, respektive kurz den Anschlägen vom 11.9.2001 und dem darauf folgenden Irak-Krieg. Die politischen Ereignisse bescherten den Büchern die verdiente Aufmerksamkeit, reduzierten sie aber auch auf ihre politische Dimension – ein Problem vieler Autoren aus dem arabischen Raum, die, zuvor wenig bekannt und marginalisiert, im Rhythmus der politischen Eskalation plötzlich von allen Seiten um ihre Meinung gebeten werden, bis sich die Aufmerksamkeit wieder einem anderen Thema zuwendet. Dieser mediale Missbrauch der Literatur und des Schriftstellers ist völlig zurecht auch von Hussain al-Mozany als Kränkung empfunden worden. Zugleich hat dieser Umstand ihn davor gewarnt und davor bewahrt, sich gänzlich für seine deutsche Seite zu entscheiden, wie es viele Autoren, die hierzulande einmal Erfolg haben, tun. Für Hussain al-Mozany hingegen bot Deutschland Europa nicht nur Asyl vor der arabischen Welt, sondern die arabische auch Asyl vor Deutschland, und sei es nur geistig und besuchsweise. Idealisieren mochte er keine der beiden Seiten.

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Margaret Obank, Hussain al-Mozany and Khalid al-Maaly Frankfurt Book Fair 2015 photo by Samuel Shimon

Der Roman „Mansour oder der Duft des Abendlandes“ ist eine hintergründige Satire auf das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht, das bevorzugt diejenigen als Deutsche anerkennt, in deren Adern deutsches Blut fließt. Warum soll, was den Russlanddeutschen zusteht, nicht auch den arabischen Nachkommen der deutschen Kreuzritter vergönnt sein? Diesen Umstand macht sich Mansour, ein junger irakischer Soldat, zunutze, als er den Giftgasschlachten des iranisch-irakischen Krieges entkommen will. In einem Geschichtswerk liest er von dem Mönch Peter aus Köln, der im Mittelalter im Gefolge der Kreuzritter in den Irak gelangt war und mit einer Irakerin Nachkommen gezeugt hat. Eine Bekannte von Mansur verrät ihm, er sehe aus wie ein Deutscher, und schon flieht er nach Köln und beantragt als Nachkomme Peters die deutsche Staatsbürgerschaft.

Doch dies ist nur die Rahmenhandlung. Mit demselben Witz, mit dem Al-Mozany diese abenteuerliche Geschichte konstruiert, beschreibt er das Leben der Asylbewerber in Deutschland und die zweifelhafte Moral sowohl der Asylanten als auch der deutschen Behörden – eine Thema, das heute wieder hochaktuell ist. Äußerst poetische Beschreibung wechseln sich ab mit drastischen Schilderungen der Gelage der Asylbewerber. Auch der Kölner Karneval hält als großes, freilich auch sehr befremdliches Verbrüderungsfest Einzug in den Roman. Dabei gelingt es dem Autor, zahlreiche Stilmittel der arabischen Literatur in die Geschichte einzubauen. Groteske Humor ist ein zentrales Charakteristikum aller Romane von Hussain Al-Mozany.

Dass man die Bezüge zu seiner Herkunft nicht über Bord zu werfen sollte, auch wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt und Deutschland überaus verehrt, kann die neue Generation arabischer Einwanderer von Hussain al-Mozany lernen. Es ist wohltuend, dass weder Flucht, noch die Katastrophen der arabischen Welt der Gegenwart, noch ein Vierteljahrhundert Deutschland diesem Autor das kulturelle Gedächtnis austreiben konnten, das die Menschen dort, wo er herstammt, tiefer in der Sprache und im Sein wurzeln läßt, als es hierzulande denkbar ist – zumal nach dem Kulturbruch der Nazizeit, der Al-Mozany ebenfalls stark beschäftigt hat. Es ist eine kulturelle Kontinuität, die in ihren ältesten Schichten über viertausend Jahre zurückreicht. Das Marschland im südlichen Irak, dem der „Marschländer“ aus dem Titel von Al-Mozanys erstem Roman auf deutsch entstammt, ist eine der ältesten Kulturlandschaften der Menschheit. Bei Al-Mozany bedeutet der Name auch das, was im wörtlichen Sinne dieses deutschen Wortes besagt und was der Autor selber gewesen ist: Einer, der durch die Länder marschiert.

Hussain Al-Mozany hat die flachen Boote, mit denen die Marschländer sich stakend durch die Sümpfe bewegten, noch exakt so gesehen wie auf den 4000 Jahre alten Darstellungen aus Ton erscheinen, die die Archäologen gefunden haben. In einer ähnlich alten Kontinuität sah der Autor auch seine Sprache – sei es Arabisch, sei es das arabisch vertiefte Deutsch. Die arabischen Redensarten und Anekdoten, die wir allenthalben auch in den deutschen Werken von Hussain Al-Mozany finden und die man auf deutsch womöglich nur oberflächlich zur Kenntnis nimmt, sind ja ursprünglich in einer Sprache formuliert, die heute nicht viel anders gesprochen und geschrieben wird als vor 1500 Jahren.

Man kann nur hoffen, dass die zukünftigen Literaten unter den neu bei uns eingetroffenen arabischen Flüchtlingen ihre Herkunft ebenso sehr im Gedächtnis behalten und mitbedenken wie Hussain Al-Mozany, den sie dann als einen ihrer Wegbereiter, der viele ihrer Probleme bereits ausdrückte und erlebte, wieder entdecken werden. Ihnen und allen anderen seien dafür nicht nur die genannten Bücher sondern auch Al-Mozanys arabischer Erstling „Der Fleischhändler“ empfohlen, der in der Übersetzung und Neubearbeitung des Autors 2007 erschien. Dieser Roman bietet einen interessanten Kontrast zu den deutschen Werken des Autors auch deshalb, weil er größtenteils in Ägypten spielt und die Entfremdung eines deutsch gewordenen Arabers von seiner eigenen Kultur thematisiert. Und schließlich empfiehlt sich die Dresdner „Chamisso-Poetik-Dozentur“ des Autors, die unter dem Titel „Parallelwelten“ 2011 erschienen ist und außer den Essays des Autors eine ausführliche Bibliographie enthält.

 This Obituary will appear in English in Banipal magazine 58 Spring 2017 and in Arabic in Kikah magazine n0 11 March 2017